Marxismus-Broschüre 44: Der SK Rapid und seine Fans

Arbeiterverein und Kommerzialisierung. Fankultur und Repression
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  • Verlag: Organisation arbeiter-innen-kampf
  • 01.08.2013
  • Buch
  • 64 Seiten
  • geheftet
  • ISBN: 1028-2211-44
Vorwort

Rapid Wien ist unumstritten der größte Fußballverein in Österreich: Über 7000 Vereinsmitglieder, über 10.000 Abonnent/inn/en, hunderttausende Anhänger/innen in Wien und vielen anderen Bundesländern.

Rapid wurde 1898 als „Erster Wiener Arbeiter-Fußballklub" gegründet. Auch heute noch kommen die meisten Rapid-Anhänger/innen aus der Arbeiter/innen/klasse. Das Selbstverständnis als „Arbeiterklub" wurde auch von der Vereinsführung immer wieder kultiviert. Und anders als etwa bei Red Bull Salzburg, wo de facto eine Diktatur des Besitzers herrscht, war der Einfluss der Fans bei Rapid – zum Leidwesen diverser Fußballfunktionäre und Journalisten – traditionell groß.

Wie andere Arten der Massenkultur im Kapitalismus auch ist der professionelle Fußballsport stark von kommerziellen Interessen und ideologischer Vereinnahmung durch das System geprägt. Gleichzeitig ist der Fußballsport aber auch umkämpft. In etlichen Vereinen gibt es selbstorganisierte Fankulturen, die gegen Kommerzialisierung, autoritäre Führung und Repressalien antreten. Die damit zusammenhängenden Konflikte sind Formen des Klassenkampfes auf kultureller Ebene.

Die Fanszene bei Rapid Wien ist die stärkste und aktivste in ganz Österreich; sie hat sich auch in Europa (durch die Europa-League, wo etwa bei den Auswärtsspielen gegen Aston Villa oder den HSV die dortigen Stadien akustisch dominiert wurden) einen Namen gemacht. Im Inland hatten die Rapid-Fans, angeführt von den Ultras Rapid, nicht nur die massivste Unterstützung im Hütteldorfer Stadion und die meisten Auswärts-Fahrer/innen. Sie führten auch immer wieder öffentlichkeitswirksame Kampagnen durch: mit anderen die Kampagne "Die Kurve gehört uns" (gegen die Kommerzialisierung im Fußball), mehr oder weniger im Alleingang gegen die Europameisterschaft 2008 ("Scheiß EM 2008"), gemeinsam mit Fanklubs von anderen Vereinen die Kampagne gegen das Verbot von Pyrotechnik in Stadien und schließlich die Proteste gegen die eigene Vereinführung.

Mit diesen Kampagnen gerieten die aktiven Rapid-Fans logischerweise ins Visier der Fußballoberen von ÖFB und Bundesliga, von diversen Medien und schließlich auch des Rapid-Vorstandes. Mediale Hetzkampagnen gegen die Rapid-Fans und Kriminalisierungen durch entsprechend funktionierende Polizei und Justiz waren ebenso die Folge wie Vorstöße, um den Einfluss der Fans bei Rapid zurückzudrängen.

Die sportliche und finanzielle Krise Rapids, die sich im Frühjahr 2013 zuspitzte, wird seitdem genutzt, um eine neoliberale "Modernisierung" des Vereins voranzutreiben (Stichworte: Verkauf des Stadionnamens, Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, stärkere Anpassung an Sponsoren). Sportliche Misserfolge vor Augen sind etliche in der aktiven Fanszene bereit, diesem kommerzorientierten Umbau nachzugeben. Einzelne aus der Fanszene fordern das sogar regelreicht ein.

Dass es gleichzeitig auch eine "Demokratisierung" der Vereinstrukturen (mehr Mitsprache der Mitglieder im Verhältnis zu Vorstand) geben soll, ist eine Augenauswischerei. Schließlich soll ja die "Kampfmannschaft" aus dem Verein ausgegliedert und zu einer Aktiengesellschaft gemacht werden; das bedeutet, dass die Mitglieder über diverse zweitrangige Dinge mehr mitentscheiden dürfen, bei der zentralen Frage Kampfmannschaft aber die Aktionäre das Sagen haben würden.

Dass die aktive Fanszene auch bei Rapid mit einigen ihrer traditionellen Anliegen unter Druck geraten ist, liegt natürlich ganz wesentlich daran, dass sie in diesem Kampf gegen die kapitalistische Modernisierung schlechte Karten hat. Diese weitere Kommerzialisierung ist seit Jahren ein Haupttrend im Fußball und für einen einzelnen Verein oder eine einzelne Fanszene ist es (wenn man "oben mitspielen" will) schwierig, dagegen standhaft zu bleiben. Das wird solange nicht anders sein, solange sich am gesamtgesellschaftlichen Kräfteverhältnis zwischen Großkapital und Lohnabhängigen nichts ändert.

Insofern ist es kurzsichtig, wenn sich die Hauptkräfte in der aktiven Fanszene bei Rapid (die Ultras Rapid ebenso wie die meisten anderen Fanklubs) als "unpolitisch" begreifen. Tatsächlich war es natürlich politisch, wenn die Rapidfans "Kommerz und Repression" im Zuge der EM 2008 bekämpft haben, wenn sie die Repressalien von Innenministerin Maria Fekter kritisiert haben oder wenn die Ultras rechtsextreme Auftritte im Block West unterbunden haben. Trotzdem sehen viele Fans nicht den Zusammenhang der Auseinandersetzung zwischen Fanszene und Staat/Fußballoberen und gesamtgesellschaftlichen politischen Fragen und speziell dem Klassenkampf der Lohnabhängigen.

Vielen aktiven Fans geht es "rein" um den Verein. Sie singen "Rapid Wien - Lebenssinn", geben alles für den Verein (Geld, Zeit), riskieren Jobs und vernachlässigen andere Dinge im Leben.

"Ob Unentschieden, Niederlage oder Sieg"... immer zu Rapid stehen, "weil es im Leben nichts schöneres gibt", ist das Motto für gar nicht so wenige. In einem Fangesang heißt es: "Rapid, das ist der Klub, für den ich lebe, grün-weiß die Farben, für die ich alles gebe, wir fahren übrall hin, für unser schönes Wien, die Liebe meines Lebens ist Rapid."

Das ist traurig, rührend, trotzig und hingebungsvoll zugleich. Aber bei Rapid (anders als bei einem Retorten-Kommerzverein wie Red Bull Salzburg) fühlen sich tatsächlich viele wie in einer großen Familie. Viele von uns haben zahllose persönliche Erlebnisse voll mit Herzlichkeit und Sympathie, mit denen uns andere, oft "wildfremde" Rapidfans begegnet sind. Wir haben je nach sportlicher Entwicklung gemeinsam Freude und Leid erlebt, gemeinsam gejubelt und gemeinsam gelitten. Wir haben bei Rapid Gemeinschaftsgefühle und Solidarität gespürt. Deshalb hat das Gerede der Vereinsführung von der "Rapid-Familie" eine reale Grundlage. Das "You´ll never walk alone" auf vielen grün-weißen Fan-Aufnähern oder das "Brothers forever" auf einem kürzlichen Spruchband des Block West entspricht dem, was viele bei Rapid empfinden.

Die starke Identifikation mit dem Verein Rapid Wien, die bei vielen Arbeiter(inne)n in Ostösterreich eine lange Tradition hat, ist auch Ausdruck davon, dass die kapitalistische Gesellschaft leer ist an Gemeinschaftsgefühl, Solidarität und sozialer Geborgenheit. Traditionelle Familienstrukturen sind stark zerrüttet, das romantische Ideal einer lebenslangen liebevollen Zweierbeziehung entspricht für viele Menschen nicht der Realität, Freundeskreise und Jobs verändern sich... aber die Zugehörigkeit zu Rapid bleibt und steht dabei für Kontinuität und Stabilität ("Grün-weiß ein Leben lang") in einer Welt von Unsicherheit und Kälte.

Dass ein Fußballverein solche Bedürfnisse abdeckt, hängt freilich auch damit zusammen, dass die Arbeiter/innen/bewegung in Österreich weitgehend in das kapitalistische System integriert ist und kaum eine Gegenkultur zur kapitalistischen Freizeitindustrie anzubíeten hat. Die Opferbereitschaft von vielen Arbeiter(inne)n dient deshalb nicht dem Kampf für die Interessen der lohnabhängigen Klasse, sondern ihrem geliebten Fußballklub aus Wien-Hütteldorf.

Das ist natürlich auch eine Ersatzhandlung. Während andere vor den Zumutungen der kapitalistischen Ausbeutungs- und Existenzkampfgesellschaft in die Religion flüchten, pilgern die Rapid-Anhänger/innen nach "Sankt Hanappi", huldigen den grün-weißen Farben und sagen teilweise ganz direkt "Rapid ist meine Religion". Aber auch wenn es bei der Rapid-Begeisterung (ebenso wie bei der für einige andere Fußballklubs) sicherlich religiöse Elemente gibt, so gibt es da dennoch einen erheblichen Unterschied zu wirklicher Religion. Was im und um das Hanappi-Stadion stattfindet, ist keine Vertröstung auf und eine Flucht in eine irreales Himmelsreich, sondern ein Teil der Gesellschaft, in der wir leben, und der Kampf um die Ausgestaltung einer Massenkultur.

Für uns als Antikapitalist/inn/en und Revolutionäre ist der Kampf um den Fußballverein, mit dem etliche Mitglieder unserer Organisation sympathisieren, nicht die zentrale politische Frage, aber wir sind solidarisch mit der aktiven Rapid-Fanszene in ihrem Kampf gegen Kommerzialisierung und Repressalien, gegen die Hetze von ÖFB und Medien. Etliche von uns gehen regelmäßig ins Stadion und haben sich auch an verschiedenen Aktionen wie der Demo gegen die Politik des Vorstandes beteiligt. Auch zuletzt haben wir vor und im Hanappi wieder Flugschriften verteilt, in denen wir gegen den neoliberalen Umbau des Vereins aufgetreten sind.

Wir sind aber der Meinung, dass sich der Kampf gegen die Allmacht des großen Geldes und gegen staatliche Repressalien nicht auf den SK Rapid (oder Fußballklubs insgesamt) beschränken darf. Es ist vielmehr notwendig, ihn in eine gesamtgesellschaftliche Perspektive einzubetten und insbesondere mit dem Kampf der Lohnabhängigen zu verbinden. Am wichtigsten ist dieser Kampf dort, wo unsere Klasse die meiste Kraft hat, nämlich in den Großbetrieben, wo durch Kampfmaßnahmen wie Streiks das Kapital im Kern, also seinem Profit, angegriffen werden kann. Deshalb setzt die Organisation arbeiter.innen.kampf (ARKA) den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten dort.

Das schließt nicht aus, dass wir uns weiterhin an kulturellen Klassenkämpfen wie dem der Rapidfans gegen Kommerzialisierung und Repression beteiligen. Umgekehrt machen viele aktive Rapidfans Erfahrungen mit im Kampf mit Staat und Kapital; viele von ihnen sind Arbeiter(innen), die diese Erfahrungen auch für betriebliche Kämpfe brauchen können. Und schließlich ist es für fußballbegeisterte Revolutionäre - das sei offen gesagt - auch ein Glück, Rapid-Anhänger/in zu sein. Denn sonst, in vielen politischen Fragen, sind wir heute in der Arbeiter/innen/klasse in der Minderheit, bei unserer Sympathie mit dem SK Rapid stehen wir mit der Mehrheit der Arbeiter(innen) in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland in einer Reihe.

Max Hoffmann und Eric Wegner

Wien, Anfang August 2013

In der vorliegenden Broschüre finden sich Texte, die die Autoren in den vergangen Jahren zu verschiedenen Kämpfen der aktiven Rapid-Fans und ihrer politischen Einordnung geschrieben haben.

Die Texte wurden für diese Neuherausgabe leicht bearbeitet.
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