Resistance

Historische Aufnahmen aus dem Untergrund und dem Exil
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  • Verlag: Intuition
  • 26.10.2020
  • CD
  • ISBN: 750447337824

Der griechische Komponist Mikis Theodorakis gehört zu den wenigen heute noch lebenden Künstlern, die einen großen Abschnitt des 20. Jahrhunderts repräsentieren. Zugleich ist er eine der widersprüchlichsten Persönlichkeiten der Gegenwart. Widerstand zieht sich durch sein ganzes Leben. Zuerst der Widerstand gegen die italienische Unterdrückung, dann gegen den Faschismus in seinem Land, später der Widerstand gegen einen immer starrer werdenden Kommunismus, mit zunehmendem Alter der Widerstand eines Konservativen gegen die scheinbar progressive Globalisierung und zuletzt der permanente Widerstand gegen das eigene Image. Doch gerade indem er sich immer wieder über sich selbst hinwegsetzte, blieb er immer ganz wahrhaftig er selbst und verblaßte nie zum Schatten der eigenen Vergangenheit. Früher hätte man ihn einen Querulanten genannt, wäre er heute noch mal 20 würde man ihn wohl als Punk oder Autonomen einordnen. Bei aller politischen Bewußtheit seiner Kunst bewahrte Theodorakis sich doch immer seinen feinen Sinn für Poesie und Fantasie. „Ich habe zwar stets meine Grenzen erweitert, doch war ich mir ihrer dabei zu jeder Zeit bewußt. Ich komponierte in dem Wissen, daß man die Grenzen der menschlichen Existenz nur durch Fantasie, Inspiration und Intuition überwinden kann. Und das habe ich ausgelebt. Den Tod hat bislang nur die Kunst besiegt. Alle, die versucht haben, mit Gewalt, Macht oder Geld Unsterblichkeit zu erlangen, sind gescheitert. Unsterblichkeit hat keine zeitliche Dimension. Sie ist ein Qualitätsmerkmal, eine starke Empfindung. Nur die Kunst kann die Emotion vermitteln, für drei Sekunden unsterblich zu sein."

Theodorakis‘ Protestlieder, die er Ende der Sechziger bis Mitte der Siebziger schrieb, stießen international auf großes Interesse, da sich gerade parallel eine weltweite Protestsong-Bewegung mit Wortführern wie Bob Dylan, Viktor Jara oder Pete Seeger in Ohren und Herzen eines aufbegehrenden jungen Publikums gesungen hatte. Einige dieser Lieder wurden unter Gefahren aus dem Land geschmuggelt und gelangten nicht zuletzt in Interpretationen von Melina Mercouri oder Maria Farantouri zu Popularität. Sie wurden unter primitivsten Umständen aufgenommen. Als Schlaginstrument diente zum Beispiel ein auf den Tisch geschlagenes Lineal.

„Resistance“ ist kein Resümee der Lebenswiderstände von Mikis Theodorakis, sondern drei Liederzyklen, die während der Zeit der griechischen Diktatur 1967-74 im Untergrund, auf der Flucht, in Gefangenschaft, unter Hausarrest, in der Verbannung und im Exil entstanden. Seine Lieder haben gerade deshalb bis heute nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren, weil sie so ergreifend einfach sind. Manche klingen wie Beschwörungsformeln, andere wie Aufrufe zum Kampf, wieder andere wie Liebeserklärungen. Man muß die Worte nicht verstehen, um zu begreifen, daß Theodorakis aus einem reichen Fundus ganz alltäglicher und zutiefst menschlicher Beobachtungen und Erfahrungen schöpft. Die Texte stammen von großen griechischen Dichtern oder Poeten, die Theodorakis im Widerstand kennenlernte, doch macht er ihre Worte ausnahmslos zu einer ihm körpereigenen Sprache.

Wenn man diese einfachen Lieder hört, fällt es schwer, sie in Einklang mit jenem Künstler zu bringen, der Texte des Kirchenvaters Johannes Damaskinos zu einem großen Requiem vertonte. Für Theodorakis‘ Selbstverständnis ist dieser Widerspruch hingegen nur logisch. Musik ist für ihn ein Gleichnis für Leben, unter welchem politischen Vorzeichen auch immer. „Die Quintessenz des Geschenkes des Lebens besteht für mich in den harmonischen Gesetzen, die uns durchdringen und bestimmen. Harmonie ermöglicht überhaupt erst das Zusammenleben. Vor der Harmonie hat möglicherweise Chaos geherrscht. Als aus der Urmaterie die Galaxien entstanden, kamen schon die ersten harmonischen Gesetze zur Wirkung. Das zieht sich durch bis zum Sonnensystem. Ein Ballett, das sich mit einer Genauigkeit von Hundertstel Sekunden bewegt. Bei dieser Vorstellung kann man verrückt werden. Es ist erschreckend, daß das Individuum denselben harmonischen Gesetzen folgt wie die Galaxien. Auch in der mensch-lichen Gesellschaft muß ein Gleichgewicht bestehen. Alle Gefühle müssen in eine Balance gebracht werden. Ich glaube, daß 999 von tausend Promille aller Menschen diese Harmonie wollen. Also haben wir einen von tausend oder zehntausend, den wir den Außerirdischen nennen können. Das sind die Führer. Die Erretter. Die Heiligen. Die Übermenschen. Und das sind unsere Feinde. Die zerstören diese Harmonie innerhalb der Gesellschaft. Dazu benutzen sie die Politik und die Parteien. Ich kenne diese Typen und greife sie an. Mal sehen sie schwarz aus und bezeichnen sich als Faschisten. Mal sind sie rot und sagen, ich bin Kommunist. Oder sie sind grün oder nennen sich Sozialdemokrat. Mich interessiert diese Farbe nicht. Vielleicht war ich einmal rot. In diesem Augenblick war der Feind schwarz. Aber als die Roten gefährlich wurden, hätte ich mich selbst verraten, wenn ich ihnen gegenüber loyal geblieben wäre, weil sie ihrerseits zu unseren Feinden geworden waren. Das zentrale Anliegen meines kompositorischen Schaffens bestand stets in der Vertonung von Dichtung."

„Resistance“ ist ein Rückblick, und so schwermütig viele Lieder dieses Albums klingen, so schwer mag auch Theodorakis selbst dieser Rückblick fallen. Doch selbst wenn er seufzt, liegt in diesem Seufzen immer noch die Kraft der Hoffnung eines 20jährigen Vulkans. „Die Menschheit hat in den letzten 150 Jahren mit Revolutionen und zwei Weltkriegen ein paar Schritte nach vorn gemacht. Gegenwärtig befinden wir uns wieder in einer regressiven Phase. Das ist gefährlich, und dagegen muß man sich wehren. Wir brauchen neue Theorien, neue Analysen. Die sehe ich aber nicht. Nirgendwo. Marx, Engels, Luxemburg sind nicht mehr zeitgemäß, aber es gibt keine neuen. Die Welt ist in eine Routine geraten, die Menschheit hat ihr Schicksal akzeptiert.“ Theodorakis ist und bleibt resistent. Renitent. Ein Alter Wilder!

Inhaltstext: Lieder des Widerstands:
Freiheit oder Tod (Rezitation)
Freiheit oder Tod
Die Front (Rezitation)
Die Front
Das Meer (Rezitation)
Das Meer

Im Belagerungszustand:
Wie dem Kind
Fern, sehr fern
Die Zeit verkrüppelt

Marsch des Geistes:
Alsauch ich die letzte Fackel warf
Gigantische Gedanken
Und ich sagte
Vorwärts! Helft die Sonne heben
Vorwärts, ihr Schöpfer
Es naht die neue Sprache
Als ichauch die letzte Fackel warf
Spieldauer: 75'1"

 

Mikis Theodorakis wurde am 29. Juli 1925 auf der griechischen Insel Chios im ägäischen Meer geboren. Er wuchs mit den griechischen Volksmusiken auf und lernte früh die byzantinische Liturgie kennen, so dass er bereits als Kind den Entschluss fasste, Komponist zu werden.
 
Theodorakis’ Leben ist gekennzeichnet von politischem Engagement für das griechische Volk und dessen Freiheit, von Verfolgung und Existenzkampf. Sein Einsatz als Widerstandskämpfer zur Zeit der Besatzung Griechenlands durch deutsche, bulgarische und italienische Truppen führte dazu, dass er 1943 gefangen genommen und gefoltert wurde. Der Bürgerkrieg der Jahre 1947-1949 bedeutete für ihn abermals Folter und die Verbannung in die Strafkolonien Ikaria und Makronissos, wo er nur knapp überlebte.
 
Am Odeion in Athen studierte Theodorakis mit Unterbrechungen ab 1945 bei Philoktitis Economidis und 1954-1959 am Pariser Conservatoire bei Eugène Bigot und Olivier Messiaen. Für seine Suite Nr. 1 wurde er 1957 mit der Goldmedaille des Kompositionswettbewerbs der Weltfestspiele in Moskau ausgezeichnet, 1959 mit dem amerikanischen Copley Prize für den besten europäischen Komponisten geehrt. Zudem erhielt er den ersten Preis des International Institute of Music in London. Während dieser Zeit entstanden in enger Zusammenarbeit mit internationalen Bühnen Ballettmusiken wie Griechischer Karneval, Les Amants de Téruel und Antigone.
 
Diese erfolgreiche Phase wurde unterbrochen durch einen erbitterten Kulturkampf in Griechenland, in dem rechte und linke Gruppierungen in heftigen Auseinandersetzungen standen. Theodorakis entwickelte sich hier zu einer der Führungspersönlichkeiten der Erneuerer Griechenlands. Nach der Ermordung des linken Politikers Grigoris Lambrakis im Jahre 1963 gründete er die Lambrakis-Jugend und übernahm dessen Sitz im griechischen Parlament. Auch mit Kompositionen - wie der Filmmusik Zorbas der Grieche und dem Oratorium Axion Esti - konnte er in dieser Zeit besonderen Erfolg und weltweiten Ruhm verbuchen. Die innenpolitischen Unruhen der Folgejahre führten zur Herausbildung von Großer und Kleiner Junta und deren Staatsstreich. Theodorakis gründete die Untergrundbewegung "Patriotische Front". Kurze Zeit später wurde seine Musik verboten, er selbst verhaftet und in dem Konzentrationslager Oropos inhaftiert. Eine internationale Initiative bedeutender Künstler wie Dimitri Schostakowitsch, Hanns Eisler, Leonard Bernstein erwirkte seine Freilassung.
 
Nicht zuletzt durch Zorbas zum Symbol der europäischen Studentenbewegung geworden, lebte Theodorakis ab 1970 im Exil in Paris. Bei Konzertreisen warb er von dort aus für einen erneuten Widerstand gegen die Militärdiktatur und für die Wiederherstellung der Demokratie in seiner Heimat und konnte 1974 dorthin als Politiker zurückkehren. Besondere Schwerpunkte seines kompositorischen Schaffens liegen in dieser Zeit auf zahlreichen großformatigen Liederzyklen.
 
Erst zu Beginn der 80er Jahre nahm er seine kompositorische Tätigkeit mit der erneuten Übersiedung nach Paris wieder im vollen Maße auf. Er verwirklichte nun in zunehmendem Maße sinfonische Werke, Kantaten, Oratorien wie Canto General zum Beitritt Griechenlands zur EG, geistliche Musik und Opern wie I Metamorfosis tou Dionisou. In der Folgezeit wurde Mikis Theodorakis als unabhängiger Linker zum Staatminister ohne Geschäftsbereich in der konservativen Regierung Mitsotakis ernannt und machte sich 1990 bis 1992 vor allem eine Bildungs- und Kulturreform zur Aufgabe und setzte sich für die Aussöhnung von Griechen und Türken ein.
 
Mit dem Rückzug aus der Staatspolitik wurde er ab 1993 Generalmusikdirektor des Symphonie-Orchesters und Chores des Hellenischen Rundfunks und Fernsehens und war auch als Dirigent seiner eigenen Werke gefragt. Theodorakis komponierte während der Jahre vor und nach 1990 die großen Lyrischen Tragödien nach antikem Vorbild: Medea, Elektra, Antigone. Seine gesamten Sammlungen vermachte er Anfang 1998 der Lilian Voudouri-Stiftung des Megaron in Athen.
 
Im Jahr 2000 wurde Mikis Theodorakis mit großer Unterstützung nicht nur aus der griechischen Bevölkerung für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen und von der Kommission in den engsten Auswahlkreis aufgenommen. Für sein künstlerisches Lebenswerk im Bereich Filmmusik wurde 2002 im Rahmen der Internationalen Filmmusik Biennale in Bonn mit dem Erich-Wolfgang-Korngold-Preis geehrt. Im November 2005 erhielt er in Aachen den den UNESCO Kunst- und Musikpreis.

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