Marxismus 29: Geschlechterverhältnisse bei Marx und Engels

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  • Verlag: Organisation arbeiter-innen-kampf
  • 01.08.2007
  • Buch
  • 536 Seiten
  • Paperback
  • ISBN: 978-3-901831-25-6
Editorial

Ob sie nun wegen ihrer theoretischen Leistungen gelobt und positiv rezipiert oder des Sexismus und der Ignoranz beschuldigt werden – Marx' und Engels' Auffassungen über Geschlechterverhältnisse und Frauenbefreiung stellen bis heute wichtige Bezugspunkte für die Linke dar. Vor allem Engels „Ursprung der Familie, des Privateigentum und des Staates" wird als „Klassiker" gehandelt, um den man als einigermaßen theoretisch interessierte/r Linke/r nicht so leicht vorbeikommt.

Unkritischen Huldigungen stehen allerdings nicht selten oberflächliche Abkanzelungen gegenüber. Allseits beliebte Argumentationsmuster dabei: Einerseits etwa die Rechtfertigung patriarchaler Muster in Marx' und Engels' Theorien damit, dass sie eben auch nur Kinder ihrer Zeit seien; andererseits etwa die Schilderung von Anekdoten aus Marx' und Engels' privatem Leben, welche dann den durchgängig sexistischen Charakter des gesamten theoretischen Werks belegen sollen.

Wir gehen davon aus, dass es sich lohnt, etwas tiefer in die Materie vorzustoßen, und die kritische Aufarbeitung der Schriften von Marx und Engels zur „Frauenfrage" uns auch heute noch für die Weiterentwicklung einer marxistischen Theorie der Frauenbefreiung helfen kann. Zu diesem Zweck die vorliegende Arbeit, die zur Gänze von Manfred Scharinger verfasst wurde.

In den allerersten Schriften von Marx und Engels spielen die Geschlechterverhältnisse insofern eine Rolle, als sie als Gradmesser für den generellen Entwicklungsstand der Gesellschaft betrachtet werden. Die konkrete Ausformung der Geschlechterverhältnisse wird erst etwas später zum Thema – dann, wenn es um die Beschreibung der elenden Arbeitsbedingung in der kapitalistischen Produktion geht. Auch über die bürgerliche Familie und deren Unterschiede zur proletarischen Familie machen sich Marx und Engels in dieser frühen Phase Gedanken – und entwerfen dabei Pläne für eine sozialistische Zukunft.

Die stärker philosophisch angehauchte Herangehensweise (vor allem bei Marx) zum Thema Geschlechterverhältnisse in den „Frühschriften" wird in der weiteren Entwicklung zunehmend auf den Boden der Ökonomie gebracht. Wie im Teil zu „Ökonomie und Frauenunterdrückung" deutlich wird, steckt im „Kapital" zum Thema Frauenbefreiung, Reproduktion und Geschlechterverhältnisse weit mehr, als gemeinhin – etwa in den Debatten um die „vergessene Hausarbeit" bei Marx – angenommen wird. So macht es doch einen Unterschied, ob die ArbeiterInnenfamilie vom Lohn einer Person, dem männlichen „Familienoberhaupt", oder von dem mehrerer Familienmitglieder reproduziert wird. Die Rolle von Frauen als industrielle Reservearmee und ihre Funktion als unbezahlte Hausarbeiterinnen stellen in diesem Abschnitt ebenfalls zentrale Themen dar.

Die Situation der Frauen innerhalb der Ersten Internationale, der „Internationalen Arbeiter-Assoziation", und die Rolle, die Marx und Engels dabei – sowohl in politisch-praktischer als auch in theoretischer Hinsicht – spielten, ist Thema eines eigenen kleinen Abschnitts.

„Der Ursprung der Familie", dem der längste Teil der vorliegenden Arbeit gewidmet ist, gilt als eines „der" marxistischen Grundlagenwerke zur so genannten „Frauenfrage". Engels versucht darin ein historisch-materialistisches Verständnis des Ursprungs der systematischen Frauenunterdrückung zu entwickeln. Wie weit dieser Versuch von biologistischen Elementen durchsetzt ist, gilt es für die kritische Bewertung aufzuklären. Zu hinterfragen sind etwa seine Positionen zur Teilung der Sphären von männlicher und weiblicher Arbeit oder zur historischen Perspektive bestimmter Familienformen. Bei allen Schwächen ist aber Engels doch der/die erste AutorIn, dem/der es gelingt, den Rahmen einer materialistischen Definition abzustecken und sich einer solchen Erklärung zu nähern. Der Kern seiner Erkenntnis ist der Zusammenhang zwischen der welthistorischen Niederlage der Frauen einerseits und der Durchsetzung der Tauschwert- und Warenproduktion und der Entstehung des Privateigentums andererseits.

Im abschließenden Teil werden die Ambivalenzen zwischen Marx' und Engels' politischen Aussagen und ihrem privaten Verhalten erörtert. Fragen von Sittlichkeit, Moral und freier Liebe waren nicht nur in ihren privaten Korrespondenzen ein Thema, was besonders in den späteren Arbeiten zum Ausdruck kommt. In welchem Verhältnis stehen dabei Anspruch und Wirklichkeit?

Wir denken, dass der ganze Bereich Geschlechterverhältnis-Frauenbefreiung sowohl für ein marxistisches Verständnis als auch für revolutionäre Politik von großer Bedeutung ist. Das erklärt auch die Wichtigkeit unseres theoretischen Schwerpunktprojektes zu diesen Themenkomplexen. Zwei Bücher haben wir dazu bereits publiziert: „Sozialistischer und marxistischer Feminismus" und „Kommunismus und Frauenbefreiung". Nach dem nun vorliegenden dritten Band sind weitere Arbeiten in Arbeit, und zwar einerseits zum Verhältnis von ArbeiterInnenbewegung und „Frauenfrage" und andererseits zu Aufstieg und Niedergang der Neuen Frauenbewegung.

Maria Pachinger

 

Inhalt

Editorial (Maria Pachinger)

Geschlechterverhältnisse bei Marx und Engels (Manfred Scharinger)

I. Die Frühschriften

Die Konzeption der Ehe in den ersten Arbeiten von Marx

Gesellschaft, Entfremdung und Frauenemanzipation

„heilige Familie" und „deutsche Ideologie"

Peuchet: vom Selbstmord

Bürgerliche und proletarische Familie

„Die Lage der arbeitenden Klasse in England"

1845/1847: am Weg zum „Kommunistischen Manifest"

1847/1848: Manifest der Kommunistischen Partei

II. Ökonomie und Frauenunterdrückung

Lohnarbeit und Kapital

„Zehnstundenbill" und Fabriksstatistik in England

Die „Familie" in der polemischen Auseinandersetzung

Politische Ökonomie und Familienwirtschaft

Die Arbeit an den „Grundrissen"

Frauenunterdrückung und Frauenbefreiung im „Kapital"

Maschinerie und Frauenarbeit

Individuelle Konsumtion und Ware Arbeitskraft

Industrielle Reservearmee

Exkurs 1: Ausbeutung und Hausarbeit

III. Die Frauenfrage in der
Internationalen Arbeiterassoziation

Marx, Engels und die IAA

Frauen und die Internationale Arbeiter-Assoziation

Eine grobschlächtige Polemik...

Der „Bürgerkrieg in Frankreich"

IV. Die späten Arbeiten...

Noch einmal zur Dorfgemeinde

„Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft"

Sittlichkeit, Moral und freie Liebe

Engels und die II. Internationale

Die österreichische „Arbeiterinnen-Zeitung"

„äußerst widernatürliche Enthüllungen"

V. Der „Ursprung der Familie"

Lewis Henry Morgan und seine „Ancient Society"

Die ethnologischen Exzerpte von Marx

„Für unsre Gesamtanschauung wird das Ding besondre Wichtigkeit haben..."

Engels und die „Entstehung von Ehe und Familie" von Karl Kautsky

Der Ursprung der Familie...

Exkurs 2: Inzestschranke – ein Ergebnis der natürlichen Selektion?

Von der Gruppenehe zur monogamen Familie

Einzelehe und Privateigentum

Die gegenwärtige Ehe

Gesellschaft und Staat

Exkurs 3: Engels' Ursprung der Familie und die moderne Anthropologie

Die Fortschritte des Jungpaläolithikums

Arbeitsteilung in frühen Gesellschaften

Die individuelle Geschlechtsliebe der Zukunft

„Ursprung der Familie" und „deutsche Ideologie"

Die weitere Arbeit am „Ursprung der Familie"

VI. Zum Abschluss ein wenig Privates...

Engels als moralische Autorität

Randnotizen zum Privatleben von Marx und Engels...

Kinderliebe ...

... und „familiärer Katzenjammer"

Engels: „ein charmanter alter Herr"

Frederick Demuth – ein „illegitimer" Sohn von Marx?

„Zurückhaltung, Bescheidenheit und Schüchternheit" „die alte Hure Hatzfeld..."

VII. Schluss

VIII. Anhang

Karl Marx: Schlußsonette. An Jenny

Verzeichnis der zitierten Literatur

Personenverzeichnis
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