Bestrafen der Armen

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  • ISBN: 978-3-8474-0121-6
Loïc Wacquant

Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit

Überbelegte Gefängnisse in den USA und anderswo, bren­nende Autos in den Banlieues von Paris, Verfolgung illegaler MigrantInnen...  – gibt es einen Zusammenhang? Ausgehend von der US-amerikani­schen Situation macht der Autor einen Trend aus, Armut, gesell­schaft­­liche Prekarisierung zu krimina­lisieren: Gesellschaftliche Problemgruppen werden krimi­na­lisiert und weggesperrt.

Lange ist bekannt, dass in den USA Afro-Amerikaner über­durch­schnittlich häufig straffällig und auch zu Gefängnis­stra­fen verurteilt werden – eine Entwicklung, die im Um­gang auch (west)europäischer Polizei und Rechtspre­chung mit „Verbrechern“ aus sozial schwachen Gruppen ihren Wider­hall findet. Wegsperren als Lösung sozialer Probleme?

Offenbar haben Straftaten in den postmodernen Gesellschaften im Laufe der letzten Jahrzehnte stark zugenommen. Zudem scheint die Rechtsprechung nicht mehr nach der einfachen Formel „Vergehen führt zu Strafe“ zu funktionieren. Menschen, die durch die Folgen von Gloablisierung, durch die Deregulierung der Wirtschaft, die Prekarisierung von Beschäftigungsverhältnissen und den Rückbau der sozialen Sicherung auf dem Weg des sozialen Abstiegs sind, scheinen überdurchschnittlich häufig vor Gericht zu stehen, sich häufig in den Maschen des Gesetzes zu verfangen. Vor allem in den USA, doch vermehrt auch in Europa zeichnet sich ein neues Regime sozialer Ungleichheit ab: Polizei und Justiz scheinen die Bevölkerung vor allem jener Viertel zu „befrieden“, in denen heftige Gegenreaktionen auf die aktuelle ökonomisch diktierte moralische Ordnung aufkeimt. Diese neue Strategie der Ausgrenzung ist eine Erfindung der USA, als Antwort auf die sozialen und ethnischen Reaktionen auf die neoliberale Revolution. So bringt dieses Buch die LeserInnen zunächst in die Gefängnisse der USA. Der Autor zeigt eindrucksvoll wie die Unterschicht im Zeitalter fragmentierter und instabiler Arbeitsbedingungen nicht allein vom wohlwollenden und schützenden Arm des Wohlfahrtsstaates behütet wird, sondern wie der aggressive und harte, der strafende Staat sie begleitet. Der Autor zeigt darüber hinaus, wieso dieser Kampf gegen Kriminalität die neue soziale Frage einerseits bedingt, andererseits zu verdecken sucht.

So liefert dieses Buch einen wichtigen Beitrag zur Analyse von Staat und Gesellschaft im Zeitalter des neoliberalen Siegeszugs. Doch der Band zeigt auch einen Weg aus dieser schon beinahe pornographisch anmutenden Begeisterung von Strafe, das die politischen Eliten in aller Welt dazu verleitet, die Gefängnisse als soziale „Staubsauger“ zu verwenden, deren Aufgabe es ist, die hässlichen Überreste der Überflüssigen der neoliberalen Gesellschaft verschwinden zu lassen.

Autor
Loïc Wacquant, Professor für Soziologie an der University of California, Berkeley und Wissenschaftler am Centre de sociologie européenne, Paris.

Paperback, 359 Seiten
Verlag Barbara Budrich, April 2013 2. Auflage
ISBN 978-3-8474-0121-6
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