Massen Mentalitäten Männlichkeit

Fussballkulturen in Wien
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  • Verlag: Bibliothek der Provinz
  • 11.05.2004
  • Buch
  • 164 Seiten
  • festgebunden
  • ISBN: 978-3-90241-603-2
  • AutorInnen: Matthias Marschik
  • Buchtitel: Massen Mentalitäten Männlichkeit
  • Untertitel: Fussballkulturen in Wien
  • ISBN: 978-3-90241-603-2
  • Verlag: Bibliothek der Provinz
  • Produktart: Buch
  • Seiten: 164
  • Erscheinung: 11.05.2004
  • Einband: festgebunden
  • Reihe (Titel): Enzyklopädie des Wiener Wissens
  • Bandnummer: 1
Seine als selbstverständlich hingenommenen und kaum hinterfragten Bedeutungen zeichnen den Wiener Fußballsport vor allen anderen in dieser Stadt ausgeübten und rezipierten Sportarten aus. Als populärstes Sportphänomen der Metropole Wien vermag er wie kein anderer Sport alltagskukurelle Felder zu öffnen, Mythen zu transportieren und Artikulationen zu entfalten. Dies ist insofern überraschend, als der Fußball unter den Eckpfeilern der urbanen Wiener Identität wohl die kürzeste Tradition aufzuweisen hat. Erst um 1885 wurden an einigen Gymnasien fußballähnliche Spiele (die oft eher den Rugby- als den Soccer-Regeln folgten) eingeführt, 1894 die ersten Vereine und 1904 erstmals ein Verband gegründet, 1911 die erste Meisterschaft organisiert.

Es ist in diesen gut hundert Jahren zwischen der Sportart Fußball und der Metropole Wien eine besondere Art der Synthese entstanden, eine innige Relation, die es in der Folge nachzuzeichnen gilt.Schon an dieser Stelle beginnt die Analyse der Spezifika komplex zu werden, weil sich die Wiener Fußballkultur - genauso wie das Wiener Cafe oder die Wiener Küche - aus einer Summe von Metamorphosen zusammensetzt und auf zahlreichen - mitunter ironisch gebrochenen - Dichotomien basiert: Bürgertum und Arbeiterschaft, Boheme und Vorstadt, Bodenständigkeit und Zuwanderung, Kampf und Spielwitz oder wirtschaftlicher Liberalismus und "kleines Glück" der Anhänger lassen sich oft, aber keineswegs immer, auf den oft zitierten Gegensatz von Austria und Rapid reduzieren.

Noch weniger gilt das für die Außenkontakte des Wiener Fußballs, seine Entstehung aus englischen Wurzeln, seine Vollendung im »trilateralen Kulturkarussell« Mitteleuropas (Skocek/Weisgram 1996, 15), seine Wiederbelebung (nach 1945) in der Auseinandersetzung mit Deutschland, seine "Provinzialisierung" in den 1960er Jahren und schließlich sein Versinken in der europäischen Mittelmäßigkeit. Das Wiener Fußballgeschehen kann am Knotenpunkt der großen weiten Welt des globalen Sportes und der lokalen Geschichte, also auch Mentalitätsgeschichte, der Stadt Wien angesiedelt werden: Seine Wurzeln sind englisch, seine Perfektionierung ist mitteleuropäisch, sein Feindbild deutsch, seine Ökonomisierung und Medialisierung sind globale Phänomene.

Seine spezifischen Erscheinungsformen, Inszenierungen, Mythenbildungen und Rezeptionsmuster dagegen sind bis heute wienerisch geprägt. Diese Artikulationen und das resultierende Ergebnis, also die zugleich globalen und wienerischen, aber eben ganz einzigartigen Wiener Fußballpraxen, lassen sich weder aus generellen Befunden zur Faszination des Fußballs noch aus der Geistesgeschichte Wiens allein erklären und auch nicht als spezifisches Exempel des Wienerischen darstellen, denn so sehr sich in den fußballerischen Außenbeziehungen eine kollektive Wiener Mentalität Ausdruck verschafft, so sehr sind seine Binnenbeziehungen primär von Konflikten, (mitunter auch handgreiflichen) Auseinandersetzungen und Opposition geprägt (Armstrong/Giulianotti 1999; 2001).

Die Massenkultur des (Wiener) Fußballs bildet keineswegs nur ein Abbild, einen Mikrokosmos der Gesellschaft, in dem sich soziale Bedingungen widerspiegeln oder besonders deutlich zeigen. Vielmehr liefert jede Massenkultur zum kollektiven Wissen einer Gesellschaft aktiv Beiträge, die einerseits in einer Transmission hegemonialer Werte und Normen an das "Publikum", andererseits in einer eigenständigen Bedeutungskonstruktion im Sinne Michel de Certeaus (1988) bestehen und gesellschaftliche Entwicklungen vorwegnehmen (Kaschuba 1997) oder zu ihnen quer liegen können. Der Massensport stellt nicht nur eine spezifische Sozialisationsinstanz (Horne/Tomlinson/Whannel 1999, 134ff.) dar, sondern bildet eigenständige populäre Kulturen aus, die in einem permanenten Austausch mit anderen Praktiken stehen (Curtis 1993).

Daher stellt sich das Terrain des Sportes als bedeutsames Feld potentieller sozialer Modifikationen und gesellschaftlicher Neuordnungen dar (Hargreaves/McDonald 2000): Speziell der Fußball ist »nicht nur der "Reflex" gesellschaftlicher Entwicklungen, die woanders passieren, er ist sein eigenes gesellschaftliches Aktions- und Experimentierfeld. Und im Moment ein Experimentier- und Erfahrungsfeld, dessen Teilnehmerfeld nur von der Arbeitswelt selbst übertroffen wird; dessen Zuschauerzahlen höchstens von exzeptionellen "Wetten dass"-Galas übertroffen werden. Und manche Dinge können im Fußball früher passieren, als auf anderen gesellschaftlichen Feldern. Weil es immer noch ein Spielraum ist, und nicht bloß ein gesellschaftlicher Kampfraum« (Theweleit 2004, 155).

Zwar ist der Sport ein untrennbares Segment einer globalisierten Welt und von ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen wesentlich beeinflusst (Tomlinson 1999), dennoch kommt ihm eine originäre Wirkkraft zu, die einerseits hegemoniale Vorstellungen in die Popularkultur transmittiert, der andererseits aber auch eigenständige Effekte zukommen: Sport beeinflusst, aktiv betrieben sowie rezipiert, individuelle wie kollektive Praxen: Er beeinflusst Körperlichkeit und Körperwahrnehmung, die Eroberung von Raum und die Organisation von Zeit, aber er prägt ebenso die Normen von Leistungsdenken, Risikobereitschaft und Motivation. Sport ist, in Anlehnung an Bourdieu, ein Paradebeispiel für soziale Praxen in Aktion (Jarvie/Maguire 1994, 187).
Matthias Marschik, Dr. phil. habil., Studium der Psychologie uns Philosophie in Wien, Lehrbeauftragter der Universität Wien, Linz und Klagenfurt.

Arbeitsschwerpunkte: Alltags- und Popularkulturen insbesondere des Sportes, individuelle und kollektive Identitäten.
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